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Der erste Extremwetterkongress mit 450 Teilnehmern ein Riesenerfolg
Extremwetterkongress 2006 - Bericht: 16. Februar 2006, Hamburg, Bundesstraße 55. Es ist kurz nach Neun morgens, ein grauer Himmel bei schlechter Sicht und drei Grad hängt über dem Geomatikum in der Bundesstraße. So beginnt der erste Extremwetterkongress initiiert von Frank Böttcher. Meteorologen vom DWD erklären im Foyer schon vor der offiziellen Eröffnung die aktuelle Wetterlage: Die Frontalzone liegt weit im Süden, Hamburg hat aktuell zwar 991 hPa, aber die zwei Beaufort aus Südost werden keineswegs die Wetterlage von vor 44 Jahren bringen. 1962 brachen in Hamburg während eines schweren Orkans die Deiche und überfluteten große Teile der Stadt. Über dreihundert Menschen kamen damals ums Leben, zahlreiche wurden obdachlos. Es war die schwerste Naturkatastrophe der Bundesrepublik Deutschland. Doch angesichts der immer höheren globalen Temperaturen und immer dramatischeren Medienberichten über Wetterextreme, trommelte Frank Böttcher viele Experten, Interessierte und Praktiker zum ersten Kongress dieser Art zusammen.
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Prof. Dr. Mojib Latif möchte die Zukunft unseres Planeten mit Klimamodellen verdeutlichen.
Arved Fuchs (li.) hatte viele interessante Details aus dem Polargebiet mitgebracht. Dazu befragt ihn Frank Böttcher, der Veranstalter des Kongresses.
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An die 450 Experten, Interessierte und Praktiker trafen sich im Geomatikum in Hamburg. Viele interessante Daten wurden geliefert, wie hier von Dr. Daniela Jacob vom Max-Planck-Inst. aus Hamburg die zukünftigen Niederschläge im Elbeeinzugsgebiet.
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Dann kam Jörg Kachelmann und konnte den Saal zum Lachen bringen.
Zum Schluss noch eine spannende Podiumsdiskussion mit (v. links n. rechts) Dr. Gerhard Steinhorst (DWD), Dr. Gunther Tiersch (ZDF-Wetter), Moderator: Peter Mücke (NDR Info), Marco Kaschuba (Meteorologie- / Unwetterfachjournalist) und Jörg Kachelmann (Meteomedia AG)

So begrüßte Frank Böttcher auch als Erster die etwa 450 Kongressteilnehmer, dann folgt eine Ansprache von Professor Dr. Claussen, dem Direktor des Max-Planck-Instituts und damit auch dem Gastgeber. Auch die Stadt Hamburg durfte natürlich bei der Begrüßungsrunde nicht fehlen: Dr. Michael Freytag, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt der Freien und Hansestadt Hamburg, schilderte in seiner Begrüßungsrede die schlimmen Zustände bei der Sturmflut 1962, aber auch die hervorragende Arbeit der Stadt danach. So seien die Deiche mittlerweile teilweise über neun Meter hoch. Deutlich höhere Sturmfluten hätten die Deiche nach ’62 aushalten müssen, doch die höheren Deiche hielten Stand. Halb elf war es mittlerweile als Prof. Dr. Mojib Latif zu Wort kam und die Zuhörer mit interessanten Daten versorgte. Daran waren natürlich auch die Medien sehr interessiert.

In seinem Vortrag ging es um die Klimavorhersag-barkeit, den globalen Klimawandel, die Projek-tionen auf die Zukunft und auf den Klimawandel. Wettervorhersagen können selbst mit den besten Großrechnern, die es heute noch gar nicht gebe, nicht weiter als zwei Wochen im Voraus gemacht werden, da dann das Chaosprinzip die Vorhersagen durch-einander würfele. Doch Klimavorhersagen seien anders aufgebaut. Hier werde mit Umwelt-einflüssen und Klimareihen gerechnet. Der Kieler Klimaforscher sieht für die Zukunft unseres blauen Planeten aber keineswegs rosige Zeiten auf uns zukommen. Bis 2100 müssten wir – je nachdem wie wir uns verhielten – mit einem globalen Temperaturanstieg zwischen 1,4 und 5,8 Grad Celsius rechnen. Das würde eine Meeresspiegelerhöhung von bis zu einem Meter bedeuten und damit viele Küsten und Inseln gefährden. Latif zeigte an Messwerten der Wetterstation Hohenpeissenberg (bayr. Alpenvorland), dass die Häufung extremer Niederschläge an dieser Station zunehme. Daran sehe man die Auswirkungen der Klimaerwärmung. Er verglich das Auftreten extremer Ereignisse mit einem gezinkten Würfel. Es könne immer noch eine Eins gewürfelt werden, aber die Sechs trete häufiger auf. Der Winter 2005/6 zeige, dass es auch noch kältere Winter gebe, aber in Zukunft müssten wir uns allgemein häufiger auf mildere Winter einstellen. Mit mahnenden Worten beendete Latif seinen Vortrag, indem er deutlich machte, dass wir es in der Hand hätten, wir die nächsten Generationen auf unserem Planeten leben müssten. Das Klima sei träge und reagiere erst viele Jahre später. Wenn wir gegen den Treibhausgasausstoß arbeiteten, wäre noch einiges machbar. Aber eins machte der Kieler noch deutlich: Solch ein Szenario wie im Kinofilm „The Day After Tomorrow“ werde es durch Klimaerwärmung definitiv nicht geben. Das gebe es nur in Hollywood.

Vor der Mittagspause kam dann noch Tobias Grimm, Experte für Sturm- und Wetterrisiken der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, zu Wort. Er zeigte, dass die Versicherungen durch Extremwetterereignisse in den letzten Jahren immer mehr belastet würden, wobei hier besonders die Sturmschäden zu Buche schlugen. Allein 2005 wurden volkswirtschaftliche Schäden durch extreme Wetterereignisse von 180 Milliarden US-Dollar verursacht. Es gab so viel über die Schäden zu berichten, dass Grimm gar kein Ende mehr finden konnte und Frank Böttcher ihn erst mal zur Mittagspause unterbrechen musste. Nach der Mittagspause bekam er dann noch etwas Zeit für das Ende seines Vortrages, bevor Arved Fuchs, Polarforscher und Expeditionsleiter aus Schleswig-Holstein, einen sehr spannenden Vortrag zum Klimawandel in den Polargebieten hielt. Viele dramatische Ereignisse hatte der Polarforscher bereits miterlebt, so steckte er beispielsweise schon mal mit seinem Boot mehrere Monate im Eis fest. Meistens hatten seine Erlebnisse mit viel Eis zu tun, aber das was er in diesem Jahr dort oben im Norden erlebt hatte, gibt Anlass zum Nachdenken. Denn zum ersten Mal überhaupt seien weite Teile der Arktis auch im Winter eisfrei gewesen. Spitzbergen sei ohne Probleme mit dem Schiff erreichbar gewesen, selbst das sonst immer völlig vom Eis umschlossene Franz-Josef-Land in der Karasee sei von Wasser umgeben gewesen. Der Klimawandel sei in den Polargebieten am heftigsten zu beobachten, sagte Fuchs den Wetterinteressierten. In naher Zukunft werde die Arktis im Sommer vermutlich komplett eisfrei sein, vermutet er.

Dann wurde es recht turbulent, denn Thomas Sävert von der Meteomedia AG hatte das Wort und widmete sich den Hurrikans. Letzte Saison traten 27 Hurrikans auf, womit so viele wie nie zuvor registrierst wurden. Einer von vielen Faktoren, die zur Entwicklung eines solchen großräumigen Wirbels führen seien die Wassertemperaturen, die im letzten Jahr im tropischen Nordatlantik durchschnittlich zwei Kelvin wärmer gewesen seien. Vielleicht einer der wichtigsten Faktoren für diese Rekordzahl. Normalerweise gehe man davon aus, dass ein Hurrikan sich nur über Wasserflächen entwickeln könne, die mindestens eine Temperatur von 27 Grad Celsius haben. Doch Sävert stellt diese „magische Grenze“ in Frage, da auch schon über dem deutlich kälteren Atlantikwasser bei den Kanaren ein Hurrikan im letzten Jahr beobachtet werden konnte. Sogar im Mittelmeer konnte ein hurrikanähnliches Gebilde vor einigen Jahren ausgemacht werden.

Lars Lowinski, Leiter von Skywarn Bayern, konnte anschließend am späten Nachmittag die Zuhörer mit einem Bericht über Tornados begeistern. Jedes Jahr treten sie auch in Deutschland und Mitteleuropa auf. Zwar könne man aufgrund der Medienberichte darauf kommen, dass dies erst seit kurzem der Fall sei und sie in der Anzahl zunehmen würden. Aber Lowinskis Statistik zeigte, dass es schon immer teils richtig schwere Tornados gab: 1764 ein schwerer F5-Tornado in Mecklenburg-Vorpommern, 1800 in Sachsen ebenfalls ein Tornado der höchsten Kategorie. Die Kategorie F5 sei sogar schon wieder überfällig, sagte der Leiter von Skywarn Bayern. Gut erinnern können sich sicherlich noch viele an den Tornado am 23. Juli 2004 in Micheln. Auch zahlenmäßig sei eine Zunahme nicht zu bestätigen. Vermutlich würden die Tornados heute nur besser beobachtet und durch die Medien berühmter gemacht werden. Früher habe es schließlich noch keine Digitalkameras gegeben, fügte der Tornadoexperte noch hinzu.

Eine Zunahme von Stürmen an der deutschen Nordseeküste konnte im anschließenden Vortrag von Gudrun Rosenhagen vom Deutschen Wetterdienst, tätigt in der Abteilung Seeschifffahrt, auch nicht verkündet werden. Die Dame vom DWD zeigte in ihrer Präsentation, dass die Anzahl der Stürme immer schwankte, es aber keine Tendenz zur Zunahme in der Anzahl gebe. Momentan seien die Stürme in der Deutschen Bucht sogar auf dem Rückzug. Das einzige was man vielleicht ausmachen könne sei eine leichte Zunahme in der Intensität der einzelnen Stürme. Aber auch da möchte sich Frau Rosenhagen nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Neben den Stürmen, die die Nordsee bedrohten, widmete sich die Sturmexpertin des DWDs aber auch den Hochwassern an der Ostseeküste. Diese seien besonders durch eine Vorfüllung und den berühmten Schwapp- oder Badewanneneffekt verursacht worden. Auch hier wurden in der Vergangenheit zahlreiche teils dramatische Fluten beobachtet. Als Einleitung auf die „44. Jahresnacht“ der Hamburger Sturmflut erklärte Gudrun Rosenhagen die Wetterlage vom 16. und 17. Februar 1962. Die Feinheiten wurden dann von Jürgen Vollmer von der Unwetterzentrale in Bad Nauheim und Manfred Spazierer, dem Geschäftsführer der Unwetterzentrale in Wien, unmittelbar danach übernommen. Besonders lange widmete sich Spazierer den Reanalysekarten von damals und erklärte sie mit wienerischem Dialekt sehr ausführlich. Ein Wiener als Sturmflutexperte.

Zumindest war dies die perfekte Einstimmung zum Making-Of des RTL-Films „Die Sturmflut“, das den offiziellen Teil des ersten Tages des Extremwetterkongresses abschloss. Eine halbe Stunde schauten sich die Extremwetterinteressierten in den schon deutlich gelichteten Reihen hinter die Kulissen des 8 Millionen-Films, der am Sonntag und Montag nach dem Kongress über die Fernsehbildschirme lief. Damit ging um kurz vor acht ein sehr interessanter erster Kongresstag zu Ende, der allen Respekt dem Veranstalter Frank Böttcher verdient.


17. Februar 2006 – gleicher Ort, nur deutlich müdere Gesichter. Der erste Abend des Extremwetterkongress war wohl doch etwas länger als andere im Jahr. Die Meteorologen des DWD hatten zu Beginn im Foyer nichts Neues an der Wetterlage zu verkünden. Mit 4 Grad war es etwas wärmer als am Vortag, dazu schien zu Beginn des Kongress sogar etwas die Sonne von einem wolkigen Himmel, während der Wind mit drei Beaufort aus Südwest wehte. Allgemein war die Wetterlage an beiden Tagen aber wechselhaft mit immer wieder auftretendem Regen oder Schauern; Sonnenschein war eher eine Seltenheit.

Höchst interessant und vor allem mit viel Vorfreude ging es dann am zweiten Extremwetterkongresstag weiter. Denn Arne Dunker vom Klimahaus Bremerhaven 8° Ost hatte das Wort und ließ uns schon mal einen Einblick gewähren, was die Kongressteilnehmer im Jahr 2008 in Bremerhaven erwartet. Ein interaktives Erlebnis der besonderen Art mit nachgestellten Klimazonen der Erde, die die Besucher des Klimahauses ab 2008 erwarten kann. Dazu werde man auf eine Reise endlang des 8. Längengrades einmal rund um den Globus gehen. Außerdem könne man zukünftig die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erleben. Das ganze Projekt hat aber auch seinen Preis, so geht man von etwa 71 Millionen in der Planung aus. Eröffnet wird das Haus voraussichtlich am 1. März 2008.

Dr. Daniela Jacob hat am Max-Planck-Institut die Leitung der regionalen Klimamodellierung und wollte danach den Interessierten die Arbeit ihres Teams vorstellen. Für das regionale Klimamodell entwickelten die Mitarbeiter des Instituts nur „das Fenster Europa“. Die Randbedingungen wurden von einem globalen gröberen Modell genommen und dann Europas Klimazukunft mit einer Gitterauflösung von zehn Kilometern ausgerechnet. Pro Gitterpunkt mussten die Großrechner stündlich 70 Gleichungen lösen. Die Ergebnisse sind mehr oder weniger überraschend. So würden zwischen 2070 und 2100 deutschlandweit 5 bis an die 30 heiße Tage (TMax ³ 30°C) pro Jahr mehr registriert werden als im Vergleichzeitraum von 1960 bis 1990. Besonders groß solle dem Modell nach die Zunahme im süddeutschen Raum sein. Errechnet wurde ebenfalls verbreitet eine höhere Intensität von Starkniederschlägen, die aber nicht überall in Zukunft auch zahlenmäßig zunehmen würden. So solle es beispielsweise im Winter im süddeutschen Raum trockener werden und auch in einigen Regionen Norddeutschlands besonders im Sommer deutlich niederschlagsärmer sein. Schleswig-Holstein müsste demnach mit bis zu 15% trockneren Sommern rechnen. Dafür würde es im nördlichsten Bundesland nach Modellberechnungen im Winter deutlich nasser werden. Einige Regionen würden zur Mitte dieses Jahrhunderts deutlich trockener, andere wiederum sehr viel nasser werden. Sonst ist aber verbreitet ein Trend zu mehr und intensiveren Niederschlägen zu erkennen. Frau Jacob ließ aber auch noch mal verlauten, dass es ebenfalls eine Zunahme von Trockenzeiten geben würde. Ein Sommer wie wir in im Jahr 2003 erlebt haben, wird dann vielleicht keine Ausnahme mehr sein. Bei den Stürmen kommt die Hamburger Forscherin zu dem gleichen Ergebnis, wie Frau Rosenhagen vom DWD: „Leichte Tendenz zu intensiveren Stürmen, nicht wesentlich häufiger.“ Aber es gibt noch viel Arbeitsstoff für die Zukunft. So müssten extreme Ereignisse genauer erfasst und mehr Simulationen durchgeführt werden. Außerdem können die Modelle noch nicht sagen, wie es in den kommenden zehn Jahren aussieht. Da halten sich die Klimaforscher immer geschickt zurück. Sinnvoll wäre auch zu schauen, welche Landkreise und Regionen besonders gefährdet sein werden und ob dies andere sind als in der Vergangenheit. Dann könnte man diese Gebiete bereits mit nötigen Schutzmaßnahmen ausstatten. Die Zukunft beim Klima wird auf jeden Fall vieles Spannendes bereit halten und wir müssen darauf vorbeireitet sein.

Priv.-Doz. Dr. Bernold Feuerstein von der Uni Heidelberg zeigte den Kongressteilnehmern wie man Anzeichen für einen Tornado auf einem hochausgelösten Dopplerradarbild ausmachen kann, woran man eine Superzelle erkennen kann und wie wichtig die Wetterwarnungen seien. Extremwetter sei immer abhängig von regionalen Gegebenheiten. Entscheidend zur Verbesserung der Wetterwarnungen von Extremwettern seien Verbände wie Skywarn e.V., die noch besser an die Medien gebunden werden müssten, damit die Menschen frühzeitig gewarnt würden. Welche Auswirkungen ein Tornado auf Waldgebiete haben kann, machte Dipl.-Forstwirt Martin Hubrig im anschließenden Vortrag deutlich. Tornados werden nach ihren Schadensausmaßen in Kategorien eingestuft – sie werden eigentlich nie direkt gemessen. Meistens werde dies anhand von Schäden an Gebäuden ausgemacht, sagte Hubrig. Doch Gebäude seien in den USA teils deutlich instabiler als in Mitteleuropa. Deshalb könne man die Einstufungstabelle aus den USA nicht eins zu eins auf Tornados in Mitteleuropa übernehmen. Selbst wenn anscheinend gleiche Bautypen vorzufinden seien, könne eine Fehleinschätzung des Tornados gemacht werden. Viel sinnvoller seien beispielsweise Einstufungen nach Schäden an Bäumen und Vegetation durchzuführen, zumal die Tornados auch häufiger über unbebautes Land toben. Diese kann man durch verschiedenen Messungen, z.B. der Holzstärke und der Baumart, festlegen. Laubbäume seien dabei im Allgemeinen stabiler als Nadelbäume. Außerdem sei das kollektive Stützgefüge von Waldbeständen nicht so stark wie die individuelle Einzelbaumstabilität, fügte der Dipl.-Forstwirt hinzu. Damit war es auch schon fast Zeit für die Mittagspause, aber das Programm ging gleich nahtlos weiter. Denn Dr. Karlheinz Müller von der Uni Marburg erstaunte die Extremwetterinteressierten mit einem Bericht von der Insel Mauritus, die im Indischen Ozean liegt. Alle paar Jahre werde die Insel von solch heftigen Zyklonen getroffen, dass alle einfachen Häuser komplett zerstört würden. Mittlerweile hätten die Menschen sich sehr stabile Häuser gebaut, aber die Zuckerrohrfelder würden weiterhin komplett zerstört werden. Da der Mensch sich hier vor einigen Jahren angesiedelt hat, verliere die Insel aber zunehmend ihren eigenen Schutz. Die unberührte Natur überstand die heftigen Niederschläge und Windgeschwindigkeiten ohne größere Probleme. Das Korallenriff hielt große Wellen ab und die Vegetation war so dicht, dass das Land geschützt war. Heute hätten die hohen Windgeschwindigkeiten und die enormen Niederschläge eine Angriffsfläche: Die Zuckerrohrfelder. Durch Erosion würden heutzutage riesige Mengen an Erde in den Ozean gespült und abgetragen. Dabei würden sogar die vorgelagerten Korallenriffe zerstört werden. Das Eingreifen des Menschen ist hier deutlich zu sehen. Aber noch viele andere Erkenntnisse vermittelte der Marburger Doktor: So könne man die gesamte Erde durch Mittelwertbildungen in bestimmte kleine Regionen einteilen, wo gleiche klimatische Bedingungen herrschten. Mit Vorwürfen trat er dabei an Frau Jacob heran: Man müsse nicht ein festgelegtes kleinmaschiges Gitternetz über die gesamte Erde legen, sondern nur die Werte für diese kleinen Regionen ausrechnen. Das würde Rechenleistung sparen.

Dann war zur Stärkung erst mal eine Mittagspause angesagt. Schließlich erwartete alle Teilnehmer noch ein spannender letzter Nachmittag, der den Wetterwarnungen und Messmethoden unter extremen Bedingungen gewidmet war. Doch gleichzeitig stand er unter dem Licht des Konkurrenzkampfes zwischen Kachelmann und dem DWD.

Den Anfang machte Jörg Kachelmann, der Geschäftsführer der Meteomedia AG, Schweiz. Der berühmte Medienwetterfrosch teilte die Erfahrungen der Messmethoden von der Meteomedia AG unter extremen Wetterbedingungen mit. Ziemlich eindeutig gewinnt der Schweizer den Showpreis dieses Kongresses. Denn immer wieder brachte er durch flotte und freche Sprüche das Publikum zum Lachen. In seinem Vortrag ging es überwiegend um Eigenwerbung seines Messnetzes und seiner Firma. Um unter extremen Bedingungen zu messen habe sich sein Unternehmen einiges einfallen lassen. An abgelegenen Standorten könne beispielsweise der Niederschlagsmesser nicht beheizt werden, da hier kein Strom vorhanden sei. Solche Stationen werden lediglich durch Solarpaneels betrieben. Dennoch könne man mit diesen Stationen Regenmengen messen, die für ein Hochwasser verantwortlich sein können. Die Wetterdaten dieser entlegenen Stationen werden mittels eines Handymodems übertragen. Ein bisschen Handystrahlung gebe es auch noch im entlegensten Tal, meinte Kachelmann. Damit der Windmesser nicht einfriere, habe man in den eisgefährdeten Gebieten, beispielsweise auf den Bergen, Ultraschallmessgeräte im Einsatz. Auch in Zukunft werde Meteomedia von sich hören lassen, denn für die Hurrikansaison 2006 habe Kachelmann höchstpersönlich vor in die USA zu reisen und dort dann beim „land fall“ eines Hurrikans genaue Windmessungen durchzuführen. Bisher seien die US-Stationen immer ausfallen, als der Hurrikan aufs Land traf. Außerdem plant Kachelmann in ein paar Jahren mit einem eigenen kleinmaschigen Vorhersagemodell aufzutrumpfen und dabei das Messnetz weiter auszubauen. In seinem Vortrag griff er auch immer wieder mit teils etwas harten Formulierungen die amtlichen Wetterdienste an.

Das ließ sich Dr. Gerhard Steinhorst vom DWD natürlich nicht alles gefallen und wollte gleich zu Beginn seines Vortrages, der an den von Kachelmann anknüpfte, seine Meinung dem Schweizer Medienexperten ins Gesicht sagen. Doch dieser war gleich geschickt aus dem Hörsaal verschwunden. So verpasste er Teile der Vorstellung des Warnsystem vom Deutschen Wetterdienst. Der Leiter des Geschäftsbereichs Wettervorhersage des Deutschen Wetterdienstes zeigte, dass der DWD bei Unwetterwarnungen erst Vorwarnungen herausgebe und dann die Warnungen ab einem Tag vorher konkretisiere und eine Unwetterwarnung verfasse. Diese werde dann an Medien, Feuerwehren und Behörden weitergeben. Am Beispiel des Hochwassers vom August 2005 zeigte er eine Chronik, wie, wer und wann gewarnt wurde. Seiner Meinung nach ein sehr guter Warnablauf. Neben den Wetterwarnungen, die der DWD alle im Internet veröffentlicht, gibt es auch das System KONRAD, auf das aber nur geschulte Personen Zugriff haben, und FeWIS, was einen schnellen und einfachen Überblick in den Leitzentralen der Feuerwehren verschaffen soll.

Dann kam es zu dem großen Höhepunkt am Ende des Extremwetterkongresses: Die Podiumsdiskussion zum Thema: „Warnen wir zu viel?“ mit den Teilnehmern Dr. Gerhard Steinhorst vom DWD, Dr. Gunther Tiersch vom ZDF-Wetter, der Moderator der Diskussion Peter Mücke von NDR Info, Marco Kaschuba (Meteorologie- / Unwetterfachjournalist) und Jörg Kachelmann von Meteomedia.

Zu Beginn wurde vom Moderator Peter Mücke ein sehr amüsanter Beitrag von NDR Info abgespielt, indem es um das ausgebliebene Schneechaos am Ende des Jahres 2005 ging. (mehr dazu unter http://www.ndr-info.de/homepage/sendungen/aufeinwort/t_cid-2148884_.html ). Da im Vorwege des angeblichen Schneechaos viel gewarnt wurde und dann fast nichts kam, sollte man sich überlegen, ob man nicht zu viel warne. Zuerst ging es mit Fragen und Antworten reihum und jeder machte seinen Standpunkt klar. Steinhorst vertrat die Meinung, dass sich die Wetterwarnungen vom DWD in den letzten Jahren deutlich verbessert hätten. Weiterhin solle der DWD nach dem „Single Voice“-Prinzip warnen und nicht durch die Unwetterzentrale beispielsweise bei Warnungen „Konkurrenz“ bekommen. Tiersch sah noch deutlich Handlungsbedarf bei der Übersichtlichkeit und der Verbreitung der Warnungen. Beim ZDF sei es aufgrund der knappen Zeit nur möglich Unwetterwarnungen für ganze Bundesländer über den Fernsehbildschirm zu verbreiten. Aber ein Laufband während des Programms sei durchaus denkbar, meint Tiersch. Wer jetzt die Warnungen herausgibt, sei ihm aber ziemlich „wurscht“. Kaschuba hielt sich bei der Runde sehr zurück, war aber der Ansicht, dass es ein Unwettervorhersagedienst geben müsse, der näher an den Menschen und mehr mit den Menschen arbeite. Durch die aktuelle Situation sei mehr Verwirrung als Sicherheit unter den Menschen vorzufinden. Kachelmann war natürlich anderer Meinung als der DWD: Seiner Meinung nach solle der bessere Unwetterwarndienst „gewinnen“. Es sei nie gut, wenn es ein Monopol auf einem Gebiet gebe. Vorwürfe, dass der DWD erst seit der Unwetterzentrale deutlich an der Qualität gearbeitet hätte, wies Steinhorst zurück. Immer wieder konnte Kachelmann mit Argumenten und frechen Sprüchen punkten, die Steinhorst teils mühsam widerlegten konnte. Ein Sieger gab es aber an dem Abend nicht und auch keine allzu großen Beschimpfungen. Vielleicht kam Kachelmann bei vielen besser davon, zumal aus dem Publikum mehr Stimmen für Kachelmanns Unwetterzentrale zu hören waren. Es ist vielleicht in einigen Punkten das bessere Konzept. Aber die Warnungen des DWD haben sich auch deutlich verbessert und würden ebenfalls von mehr Behörden und mehr Medienanstalten bezogen. Schließlich existiere eine staatliche Organisation deutlich sicherer als ein Kachelmann, der nicht „ewig leben kann“, fügte Steinhorst hinzu. Aber das bessere Konzept für die Praxis sei die Unwetterzentrale, ließ ein Feuerwehrmann aus den Reihen des Publikums verkünden. Kachelmann führte eine offensive und Steinhorst eher eine defensive Diskussion. Nächstes Jahr wird sie vielleicht fortgeführt. Dann könnte es auch zu einem singenden Auftritt von Tiersch und Kachelmann kommen, wie es schon mal vor einiger Zeit bei Marianne und Michael zu sehen waren. Kachelmann und der DWD werden sich aber wahrscheinlich bis dahin immer noch nicht brüderlich vertragen haben und an einem Strang ziehen. Mal sehen!

Also auch 2007 wird es einen Extremwetterkongress geben, der dann erneut in Hamburg stattfinden wird, bevor es 2008 ins neue Klimahaus nach Bremerhaven geht. Nutzen Sie die Chance und seien Sie dabei!

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